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Gesellschaft

«Die vielen Anrufe waren verdächtig»

In ihrer Jugend war Henriette Engbersen Cevi-Leiterin in Romanshorn. Heute berichtet sie für das Schweizer Fernsehen aus London. Wie erlebt sie als Journalistin und Christin die multikulturelle Metropole?

Hochhausbrand, Terrorattacken, Brexit-Verhandlungen: Henriette Engbersen hat seit ihrer Ankunft in London schon einiges erlebt. Diesen Frühling hat sie in der britischen Hauptstadt den Job als SRF-Korrespondentin angetreten. Das sei nicht immer einfach. Als ausländische Journalistin müsse sie nämlich besonders hartnäckig sein, um ein Interview zu erhalten. Freizeit bleibe neben dem Job nicht viel übrig. Trotzdem gefällt es ihr: «Ich lerne fast täglich neue Menschen und ihre spannenden Geschichten kennen.»

Ins Schwitzen gekommen
Besonders in Erinnerung geblieben ist Henriette Engbersen der 9. Juni 2017. Es war der Tag nach den britischen Parlamentswahlen, über die sie berichten sollte: «Plötzlich stellte mir mein Telefonanbieter das Mobiltelefon ab. Ich war unterwegs und hatte keine Verbindung zum Internet. Zudem konnte mich die Redaktion in Zürich nur noch schlecht erreichen. Da habe ich schon ziemlich geschwitzt.» Die Abklärung beim Anbieter hätte dann ergeben, dass ihr Mobiltelefon aus Sicherheitsgründen abgestellt worden sei. Sie habe zu viele Anrufe in die Schweiz getätigt. «Das ist ihnen verdächtig vorgekommen», sagt Engbersen mit einem Schmunzeln. Erst nachdem sie glaubhaft versichern konnte, dass sie als Journalistin fürs Schweizer Fernsehen arbeitet, wurde ihr Telefon wieder freigeschaltet.

Die Schweiz ist ein Vorbild
Trotz der ganzen Hektik: Einen Kulturschock hat Henriette Engbersen in London nicht erlitten. Vielleicht hilft dabei ja, dass sie eher «ländlich» wohnt, in einem Haus an einer kleinen Quartierstrasse mit eigenem Gärtchen. «Ab und zu kommt sogar der Fuchs vorbei und in den Bäumen sitzen Eichhörnchen. Das klingt doch fast ein bisschen nach Bilderbuch-Schweiz», sagt Engbersen mit einem Augenzwinkern. Apropos: Während ihrer Zeit in London habe sie schon von verschiedenen Seiten gehört, dass die Briten im Zuge des Brexits sehr interessiert daran seien, von der Schweiz zu lernen: «Die Schweiz hat als unabhängiges Land über Jahre in vielen Bereichen Know-how aufgebaut, welches sich die Briten erst wieder mühsam erarbeiten müssen.»

Ohne Scheuklappen durchs Leben
Aufgewachsen ist Henriette Engbersen in Romanshorn und Salmsach, wo sie einst Cevi-Leiterin war und noch heute viele Freunde hat. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht, dass der Glaube nicht das Ziel hat zu moralisieren oder Andersdenkende auszuschliessen. Das habe sie auch in ihren Job als Journalistin mitgenommen: «Ich bin bemüht, ohne Scheuklappen auf andere Menschen zuzugehen, respektvoll zu sein und neugierig zu bleiben – egal ob sie politisch links oder rechts stehen und egal, welchem Glauben sie angehören.» Gerade im religiös durchmischten London sei das wichtig. Auch wenn es für Aussenstehende klischeehaft klingen möge: «Multikulti ist hier wirklich spürbar», betont Engbersen. «Meine Optikerin war eine Frau mit Kopftuch, bei einem indischen Sikh mit Turban kaufe ich meine Zeitung, neben unserem Büro versammeln sich jeden Freitag Männer zum Gebet und an der Oxfordstreet treffe ich regelmässig auf einen christlichen Strassenprediger.» Besonders gefallen habe ihr, wie lokale Kirchen und Moscheen nach dem Brand des Grenfell-Towers gemeinsam Essen und Kleider für die Opfer gesammelt haben – «unkomplizierte Hilfe über Religionsgrenzen hinweg».

Roman Salzmann, Cyrill Rüegger, kirchenbote-online, 10. Oktober 2017


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